Zufrieden hängte Ernst am Freitag um kurz vor 15 Uhr seinen Arbeitskittel an den Nagel. Überraschenderweise war es ein ruhiger Arbeitstag gewesen und er konnte die Firma weit früher als üblich in Richtung seiner Wohnstätte verlassen. Als er genüsslich und unbeschwert zu seinem Kraftfahrzeug schlenderte und die frische Frühlingsluft inhalierte, kam ihm eine hervorragende Idee. Er beschloss, sich am Heimweg in seinem Lieblingsgasthaus, Gustl’s Biergrotte, noch ein wohltuendes Krügerl zu gönnen. Seine Frau rechnete so früh garantiert noch nicht mit ihm, versuchte er seinen Plan noch sich selbst gegenüber zu rechtfertigen. Außerdem hatte er sowieso nur vor, rasch das Bier zu trinken und dann quasi gleich weiterzufahren. Es war also sicher nichts verhakt damit.
Als er in der gemütlichen Stube eintraf, die bereits voll gesteckt war, erspähte ihn sofort sein Freund Gustl, der Besitzer des Etablissements. “Servus Ernstl, das Übliche?” erkundigte er sich gleich und wachelte waghalsig zur Begrüßung mit gerade abgeräumtem Geschirr. “Ja, super,” antwortete der sich im Feierabend befindliche Techniker und ließ sich auf dem letzten freien Zweiertisch am Fenster nieder. Zum Glück musste er nicht lange auf das erfrischende Getränk warten und nahm genüsslich den ersten Schluck, der einen dezenten Schaumbart auf seiner Oberlippe hinterließ. Wie fein es wäre, wenn er jeden Freitag die Arbeitswoche auf diese Weise beenden konnte.
Nachdem er etwa das halbe Glas geleert hatte, fing Ernsts Magen an, unangenehm zu grummeln. Schließlich hatte er seit einigen Stunden schon keine Nahrung mehr zu sich genommen. Kurzerhand rang er sich dazu durch, doch einen kleinen Snack zu bestellen und damit gleich zwei Fliegen auf einen Schlag zu erlegen. Nicht nur würde es ihm sein sich selbst versauernder Magen danken, sondern er würde auch bei der weiteren Heimfahrt den Alkohol weniger spüren. “Gustl, geh bring mir doch ein kleines Salzstangerl,” beauftragte er seinen Bekannten. “Eines oder gleich zwei? Im Doppelpack ist es günstiger,” erwiderte der schon etwas angeheiterte Wirt. “Nein, nur eines. Meine Frau kocht eh was daheim für mich. Das Salzstangerl ist ja nur für den gröbsten Hunger,” bestätigte der Mann seine Bestellung und musste schmunzeln.
Wenig später biss Ernst genüsslich in das salzige Gebäck, auf dem, wie er nun feststellen konnte, eine zufriedenstellende Anzahl an großen Salzkristallen festgebacken war. Sein Geld war hier wirklich gut investiert, befand er. Mittlerweile drängten sich auch um die Schank eine Menge an Gästen und er freute sich für seinen Freund Gustl, dass sein Gasthaus im Ort so beliebt war. Während er interessiert seine Umgebung beobachtete, entspannte sich sein knurrender Magen endlich langsam wieder. Als er sich zur Hälfte seines länglichen Gebäcks durchgearbeitet hatte, wurde sein Mund trocken und sein Körper verlangte nach Flüssigkeit. Mit Entsetzen stellte er aber fest, dass er, ohne es zu merken, sein Bier bis auf einige mickrige Resttropfen bereits zur Gänze konsumiert hatte. So ein Schnitzer, ärgerte er sich.
Da sein Durst schier unerträglich wurde, hatte er fast keine andere Wahl als sich noch ein Krügerl Bier zu genehmigen. So durstig war er garantiert eine Gefahr für den Straßenverkehr. Wenn er sich recht erinnern konnte, hatte er vor einer halben Ewigkeit in der Fahrschule gelernt, das Kraftfahrzeug nie in dehydriertem Zustand in Betrieb zu nehmen. Noch dazu war es eh erst knapp nach 16 Uhr und der Nachmittag noch jung. Zum Glück eilte Gustl eine knappe Minute später gestresst an seinem kompakten Tisch vorbei und er konnte ihm seine Bestellung gerade noch auf den Weg mitgeben: “Geh, Gustl, bring mir bitte noch ein Bier, sei so lieb.” Wenig später brachte ihm eine junge Kellnerin den heiß ersehnten Nachschub und er konnte den Durst rasch stillen.
Ernst war mittlerweile noch besser gelaunt als noch zu Beginn des Feierabends. Die Stimmung im Lokal war gut und das Bier aus seiner Lieblingsbrauerei schmeckte wie immer vorzüglich. Leider kündigte sich wieder leichtes Magenknurren an und er überlegte kurz, ob er sich nicht doch noch ein zweites Salzstangerl gönnen sollte. Immerhin wusste er nicht, wann das Abendessen genau am Tisch stehen würde, und Gustl hatte ihm ja vorher gesagt, dass zwei vergleichsweise günstiger waren als eines. Dieses Schnäppchen konnte er sich also unmöglich entgehen lassen. Als zwei Wirte, die so wie sein Bekannter aussahen, auf ihn zukamen, rief er ihnen unüberhörbar zu: “Du Gustl, hast noch so ein Salzstangerl für mich? Die sind heute wieder besonders frisch und g’schmackig.”
Das zweite Salzstangerl schmeckte mindestens genauso gut wie das erste. Als der zufriedene Gast in das noch leicht warme Gebäck biss und sich das Salz wohltuend an seinem Gaumen zersetzte, war er froh, dass er es sich bestellt hatte. Langsam merkte er nämlich, wie der Alkohol in seinen Kopf gestiegen war, und hoffte, dass der kleine Snack wenigstens ein paar Zehntel-Promille neutralisieren würde. Sollte er am kommenden Freitag wieder nach Dienstschluss im Gasthaus einfallen, musste er unbedingt zu Mittag eine gehaltvollere Mahlzeit zu sich nehmen, um eine bessere Unterlage zu haben und nicht ein Salzstangerl nach dem anderen bestellen zu müssen.
Gemeinsam mit dem dritten Krügerl, das er ganz durstig bestellt hatte, kam auch ein ehemaliger Arbeitskollege an Ernsts Tisch. “Servus Ernstl, ich hab gar nicht erwartet, dass ich dich am Freitag hier antreffe,” begrüßte ihn dieser erfreut. “Wie gehts der werten Gemahlin?” Ernst, der gerade eben den letzten Rest seines Salzstangerls in den Mund gestopft hatte, antwortete kaum verständlich: “Danke, ich glaube gut. Ist dir eh nicht allzu fad in der Pension?” Die Zeit verging wie im Flug und es war mittlerweile dunkel. Nachdem er beinahe am Weg vom WC zu seinem Tisch gestürzt wäre, weil er einen Sessel übersehen hatte, gestand er sich ein, dass er unmöglich noch selbst nach Hause fahren konnte.
Obwohl er sich über sein Missgeschick ärgerte, dass er stundenlang im Gasthaus versumpft war, rang er sich schließlich durch, seine Frau um Hilfe zu bitte. Nach drei Versuchen erwischte er endlich die richtige Nummer in seinem Telefonbuch und freute sich, nach mehrmaligem Läuten ihre liebliche Stimme zu hören. “Ernst, wo bleibst du schon wieder? Das Essen steht schon seit einer Stunde am Tisch,” brüllte sie förmlich durch die Telefonleitung. “Es ut mir irklcih leid, ich bin ier eim Ustl ängenlieben. Itte annstdu mibholen. Ichann eider icht mehr selbstahren,” bemühte er sich, ihr leicht lallend sein Problem zu erklären. “Nd itte nmm auch nch ein Unterteuroschein sum geleichen der Echnung it. Anke.” Er legte hastig auf, bevor die Frau noch antworten konnte, steckte umständlich das Mobiltelefon in die Hosentasche und schleppte sich im Schneckentempo, ohne vorher bezahlt zu haben, vor die Türe des Gasthauses, wo er gefühlt eine Stunde auf sein Taxi wartete.
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